Die kleine Gemeinde Hirzenhain hat ein Naturschwimmbad, welches in der Region einzigartig ist. Rund um den Vulkanradweg, den Stauweiher und in den Ortsteilen finden sich reizvolle Ecken. Doch ausgerechnet im Ortskern Hirzenhains fehlt eine erkennbare Mitte. Das soll sich nun ändern.
Noch immer leuchtet der rote Backstein der großen, fünfstöckigen Werkhalle auf dem ehemaligen Buderus-Gelände. Sie wurde 1926 errichtet und war das Sinnbild für eine hochmoderne Produktion von eisernen Öfen, emaillierten Badewannen und Kunstguss. Buderus war ein bedeutender Arbeitgeber in der Region, bis die Produktion 2014 eingestellt wurde. Heute steht die Werkhalle leer. Vom Kunstgussmuseum ist lediglich ein kleiner Teil geblieben.

Spätestens seitdem ist es in Hirzenhain deutlich ruhiger geworden. Öffentliche Treffpunkte sucht man bislang vergeblich. Die Bürger wurden nach ihren Vorstellungen gefragt. Freiraumplaner Christian Wiegand entwickelte daraufhin ein Konzept, auf den ein Plan des Landschaftsarchitekturbüros GTL aus Kassel aufbaut. Diesen halten Bürgermeister Timo Tichai, Projektleiter Christian Wiegand und Michael Westerweller von der Bauverwaltung in den Händen: Der Ort wird eine Erlebnismeile erhalten. Möglich wird dies durch die Förderprogramme „Lebendige Zentren“ und „KFW 444“, wobei die Landesgartenschau Oberhessen wie ein Turbo wirkt.
Für Hirzenhain ein Glücksfall
Im Fokus stehen das Rathausumfeld, die Augustinerkirche sowie die Bereiche am Vulkanradweg zum Stauweiher hin und die Grünfläche vor der Apotheke. Von den ursprünglich geplanten 13 Stationen wird zunächst eine Kernvariante bis zur Landesgartenschau 2027 umgesetzt. Weitere Bausteine sollen später folgen. Trotz der beachtlichen Summe von rund 1,86 Millionen Euro Kosten ist das Projekt für die Gemeinde ein Glücksfall. Denn 73 Prozent werden über die Förderprogramme finanziert. Für die Kommune bleibt ein Eigenanteil von rund 500.000 Euro. „Es ist eine einmalige Chance, Vorhaben umzusetzen, die seit Jahren auf der Wunschliste stehen“, bemerkt Bürgermeister Timo Tichai. Christian Wiegand ergänzt: „Hirzenhain hat gemessen an der Einwohnerzahl von den `Lebendigen Zentren` am meisten profitiert.“
Die größte Veränderung steht unterhalb des Rathauses bevor. Vor dem geplanten Neubau des Feuerwehrgerätehauses entsteht ein neuer Dorfplatz. Statt eines reinen Parkplatzes soll ein Ort entstehen, auf dem auch einmal ein Festzelt oder Verkaufsstände aufgebaut werden können. Geplant sind Sitzbereiche, eine Boulebahn, Angebote für Kinder und Jugendliche sowie eine überdachte E-Bike-Ladestation. Hier werden 25 der insgesamt 100 neuen Bäume gepflanzt.
Es wird grüner und gemütlicher
Mächtige Linden stehen neben der Augustinerkirche. Auch rund um das Gotteshaus wird sich einiges verändern. Geplant sind Plätze zum Verweilen, neue Wege und möglicherweise sogar ein Klostergarten. Insgesamt wird der Bereich grüner. Auch vor der Apotheke wird es gemütlicher. Die Karl-Birx-Straße, die zum Rathaus führt, wird zur Einbahnstraße. Aus dem Durchfahrtsort soll ein Ort werden, für den man sich Zeit nimmt.

Wer sich die Füße vertreten möchte, spaziert am Stauweiher entlang. Auch dieser Bereich ist Teil der Erlebnismeile. Der Blick auf das Gewässer wird an mehreren Stellen wieder freigegeben, zusätzliche Flächen werden bepflanzt. In der Nähe der Staumauer werden an einem kleinen Plateau ein Platz zum Picknicken und ein Steg entstehen. Auf einem kleinen Hinweisschild an einem Holzpfosten ist der Bonifatius-Stab abgebildet. Hier am Ufer, parallel zum Vulkanradweg, verläuft der Pilgerweg. Auch dieser derzeit stellenweise zugewachsene Weg soll neugestaltet werden.
Etwa 3000 Einwohner zählt die Gemeinde und sie wächst. Für die Verantwortlichen geht es dabei um weit mehr als neue Wege, Bäume oder Sitzbänke. „Die neue Ortsmitte soll die Bürger zusammenbringen“, sagt Timo Tichai. Dieser Gedanke gewinnt zunehmend an Bedeutung.
Dazu werden vorhandene Qualitäten sichtbar gemacht und miteinander verbunden.
„Das Projekt in Hirzenhain ist ein Paradebeispiel dafür, was die Landesgartenschau vorantreibt. Außer in den Leuchttürmen Bad Salzhausen, Gedern und Büdingen wird auch in vielen oberhessischen Kommunen die Stadt- und Regionalentwicklung angekurbelt“, sagt Thomas Hellingrath, Geschäftsführer der Landesgartenschau.
Während die Gemeinde bereits Wiesenstreifen entlang der Landesstraße eingesät hat, sollen die Arbeiten an der Erlebnismeile im November beginnen. Ziel ist es, Ende März 2027 – und damit pünktlich vor dem Start der Landesgartenschau am 22. April 2027 – fertig zu sein.
Info:
Christian Diller analysierte 2017 die Wirkungen der Landesgartenschau Gießen 2014 auf die langfristige Stadtentwicklung (Quelle: Impulse für Stadtfreiräume und lokale Planungskultur – LGS Gießen 2014, Forum Wohnen und Stadtentwicklung, Heft 1/2017). Demnach führte die Veranstaltung zur dauerhaften Aufwertung der Grün- und Freiräume entlang von Wieseck und Lahn und schuf neue Erholungs- und Aufenthaltsangebote für die Bevölkerung. Gleichzeitig wurden zuvor räumlich getrennte Stadtbereiche stärker miteinander vernetzt. Diller hebt hervor, dass die eigentliche Bedeutung der Gartenschau weniger im sechsmonatigen Veranstaltungszeitraum lag als in den nachhaltigen Investitionen in öffentliche Räume und Infrastruktur. Darüber hinaus veränderte die Landesgartenschau die lokale Planungskultur, indem sie Diskussionen über Stadtentwicklung, Freiraumgestaltung und Bürgerbeteiligung dauerhaft in Politik, Verwaltung und Stadtgesellschaft verankerte. Im Rahmen der LGS Oberhessen sind bisher über 30 Millionen Fördermittel bereitgestellt worden. Auch sie wird wissenschaftlich ausgewertet.
