Lernen unter freiem Himmel


Das Bildungsangebot Grünes Klassenzimmer ist vielen ein Begriff. Doch zur Landesgartenschau Oberhessen wird das Klassenzimmer bunt. Warum eigentlich?

Frank Uwe Pfuhl: Das Grüne Klassenzimmer behandelt traditionell die grünen Kernthemen, zu denen vor allem Gartenbau, Forstwirtschaft, Landwirtschaft und Naturschutz gehören. Das Bunte Klassenzimmer sollen nun auch Geschichte, Kunst, Kultur, Bewegung, Medien, gesellschaftliche und politische Bildung sowie kreative Angebote abbilden. Dazu gehören auch die Inhalte der MINT-Fächer. MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Das Bunte Klassenzimmer ist mit einem farbenfrohen Mosaik aus vielen Themen und Perspektiven der Region vergleichbar.

Frank Uwe Pfuhl ist Gründer und Vorsitzender der NABU-Umweltwerkstatt. Für die Landesgartenschau organisiert er das Bunte Klassenzimmer. Foto: Lenz/LGS

Viele Angebote richten sich an Kinder und Jugendliche. Welchen Mehrwert bietet das Lernen in der Natur im Vergleich zum klassischen Unterricht in der Schule?

Es ist erwiesen, dass Kinder und Jugendliche ganz anders lernen, wenn sie an unterschiedlichen oder externen Lernorten unterwegs sind. Sie sind mit anderen sinnlichen Eindrücken verbunden. Die Natur ist ein hervorragender Lernort. Bei Vogelgezwitscher, dem Duft der Jahreszeiten und der frischen Luft lernt es sich leichter und mit Spaß. Wer Tiere und Pflanzen direkt beobachtet, versteht ökologische Zusammenhänge oft besser, als wenn sie lediglich auf einem digitalen Whiteboard dargestellt werden. Das Bunte Klassenzimmer ist wie ein Open-Air-Kino, in dem man selbst mitspielt.

Vereine, Verbände und andere waren aufgerufen, das Programm mitzugestalten. Wie war die Resonanz?

Wir sind bereits sehr gut aufgestellt. Insgesamt beteiligen sich 34 Organisationen und acht Privatpersonen. 500 Angebote waren die Messlatte, inzwischen liegen wir bei deutlich mehr als 700. Nun hoffen wir, dass diese auch entsprechend gebucht werden. Ziel ist es, dass an jedem Schultag sowohl in Bad Salzhausen als auch in Gedern mindestens ein Inhalt des Bunten Klassenzimmers stattfinden kann. Die meisten Projekte finden im Unteren Kurpark in Bad Salzhausen statt, viele weitere in Gedern. Dort entsteht im Unteren Schlosspark an der Stelle des ehemaligen Tennisheims auch für das Bunte Klassenzimmer ein neuer Pavillon mit kleiner Küche und Toiletten. Darüber freuen wir uns sehr.

Finden alle Angebote in Gedern oder Bad Salzhausen statt?

Nein, es gibt einige Workshops außerhalb der beiden Hauptstandorte. So macht beispielsweise das Instrumentenmuseum in Lißberg mit. Die Keltenwelt am Glauberg beschäftigt sich mit experimenteller Archäologie. Im NABU-Haus an den Salzwiesen in Selters stehen unter anderem Flussökologie und Renaturierung im Mittelpunkt.

Welche Workshops gibt es denn? Nennen Sie Beispiele …

Ein kleiner Ausschnitt: Es gibt Kunstworkshops im Freien. Themen sind auch Wildkräuter, Blütenpflanzen und Bodenökologie. Auch Salzgewinnung und Wildnispädagogik spielen eine Rolle. Der Regionalbauernverband Wetterau-Frankfurt, die Landfrauen und die Forstverwaltung beteiligen sich mit zahlreichen Angeboten. In Gedern wird der NABU einen eigenen Naturgarten anlegen. Dort werden Module wie Käferkeller, Sandarium, Miniteich, Totholzhecke oder Bienenhotel vorgestellt, die sich im eigenen Garten nachbauen lassen. Baumdetektive sind unterwegs, René Regenwurm ist präsent und sogar die Darmgesundheit findet ihren Platz. Der menschliche Dickdarm und ein gesunder Boden haben tatsächlich einige Gemeinsamkeiten: Beide benötigen die richtigen Bakterien.

Bekanntschaft mit einem Eichhörnchen - insbesondere für Schulklassen und Kindergärten gibt es zahlreiche Angebote. Foto von Alex 0101 auf Unsplash

Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, denen sich auch die LGS verpflichtet hat, sind im Bunten Klassenzimmer vertreten. Die Wissenschaft mahnt, Maßnahmen gegen den Klimawandel konsequent voranzutreiben. Die Realität sieht derzeit anders aus. Was sagt Ihr Bauchgefühl?

Würde ich diese Notwendigkeit nicht ebenfalls sehen, hätte ich mich nicht seit 40 Jahren dem Naturschutz verschrieben. Ich bin ein grenzenloser Idealist. Das bedeutet, dass ich gerade jetzt weitermache, auch wenn sich Prioritäten verschieben. Die Naturschutzverbände müssen lauter werden. Im Rahmen der Landesgartenschau haben wir die Möglichkeit, Themen wie Quellen und Wasser stärker ins Bewusstsein zu rücken.

Welche Rolle spielt das Wasser?

Die Notwendigkeit, Wasser zu sparen, ist alles andere als banal. Ein Blick vor unsere Haustür, insbesondere in den Vogelsberg, zeigt, dass der Grundwasserspiegel vielerorts sinkt und dies zahlreiche Probleme nach sich zieht. Passend dazu gibt es in der Festhalle Schotten die Sonderausstellung „Grundwasser lebt“. Wer den Blick etwas weiter richten möchte: Rund zwei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Da kann sich jeder fragen, was er tun würde, wenn er in einer solchen Region leben müsste. Vermutlich würde er einen Ort suchen, an dem das Überleben gesichert ist. Deshalb betrifft dieses Thema uns alle.

Auf welchem Weg und ab wann können Schulen, Kindergärten, Vereine oder Gruppen diese Angebote buchen?

Über die Internetseite der Landesgartenschau (www.lgs-oberhessen.de) können Themen und Zeitfenster ab dem 18. Oktober gebucht werden. Dann sind alle Angebote online abrufbar. Es lohnt sich.


Zur Person
Frank Uwe Pfuhl ist in Frankfurt geboren, lebt seit seinem sechsten Lebensjahr in Assenheim. Er ist Mitbegründer der NABU-Ortsgruppe Niddatal und Leiter der Umweltwerkstatt, wo er sich unter anderem um die Ausbildung von Naturführern kümmert. Seit über 40 Jahren ist er ehrenamtlich für den Naturschutz unterwegs, erhielt vor zwei Jahren den Bürgerpreis der Stiftung der Sparkasse Oberhessen.