Spielelandschaft zwischen alten Bäumen


Millimetergenau bugsieren die Männer die zwei gewaltigen Holztürme, die ein Tieflader aus dem Allgäu herangekarrt hat. Zentimeter für Zentimeter schweben sie zwischen den alten Baumkronen hindurch. Die Monteure geben Handzeichen und dirigieren die Türme auf die vorbereiteten Fundament-Blöcke. Stück für Stück wächst eine außergewöhnliche Spiellandschaft heran – eingebettet in den ehrwürdigen Baumbestand.

 

Noch liegen die Baumhäuser für die Spiellandschaft im Unteren Kurpark.  Foto: Lenz/LGS

Keine Spielplätze von der Stange

„Jeder der drei neuen Spielplätze der Landesgartenschau ist individuell für seinen Standort entwickelt worden“, sagt Thomas Hellingrath, Geschäftsführer der Landesgartenschaugesellschaft. Also nichts von der Stange. Während in Gedern eine Spiellandschaft im Stil einer Fachwerk-Baustelle entsteht und in Büdingen ein modernes Spielareal gebaut wird, nutzt der Spielplatz in Bad Salzhausen die vorhandenen Baumgruppen. „Das Besondere hier ist die Aufteilung auf zwei Ebenen. Kinder können sich sowohl am Boden als auch hoch oben zwischen den Baumkronen tummeln.“ Gleichzeitig sind die Bereiche nach Altersgruppen gegliedert, sodass sich Kleinkinder und Ältere nicht in die Quere kommen.

Die neue Spielanlage gliedert sich in drei Bereiche. Im vorderen Abschnitt entsteht ein geschützter Kleinkinderbereich unter den Bäumen. Sandspielflächen, Balancierstrecken, eine Bauchschaukel, eine Wackelplattform und kleine Rückzugsorte laden die Jüngsten zum Entdecken ein. Für ältere Kinder beginnt dahinter die eigentliche Abenteuerlandschaft.

 

Auch die Fundamente mussten außerhalb des Kurparks gegossen werden. Foto: Lenz/LGS

Drei Türme sind miteinander verbunden

Drei Türme sind durch eine rund 20 Meter lange Kletter- und Netzlandschaft miteinander verbunden – eine Dimension, die selbst erfahrene Planer nur selten umsetzen. Hangelstrecken, Seilbrücken, Kletternetze und Balancierstationen bieten unterschiedlich anspruchsvolle Herausforderungen. Vom bodennahen Einstieg bis zum Weg durch die Baumwipfel wächst der Schwierigkeitsgrad Schritt für Schritt. Für die Größeren sind insgesamt neun Bewegungs- und Fitnessstationen vorgesehen, die zu verschiedenen Kraft-, Ausdauer- und Beweglichkeitsübungen einladen. Kleinere Hinweistafeln beschreiben, was in diesem verspielten Fitnessparcours zu tun ist.

„Nicht alles ist für jeden geeignet – aber für jeden gibt es etwas“, beschreibt Landschaftsarchitekt sowie Planer und Konstrukteur der Firma Hochkant, Jonas Krämer, das Konzept. „Wenn wir Rollstuhlfahrer und blinde Menschen in die Planung einbeziehen, decken wir rund 90 Prozent aller Einschränkungen ab“, erläutert Krämer. Die Firma Hochkant hat sich auf Spielplätze, Seilgärten, Outdoorfitness, Baumhäuser und anderes spezialisiert. Sie ist beauftragt, die Ideen des Planungsbüros „bbzl böhm benfer zahiri – landschaften städtebau architektur“ aus Berlin umzusetzen. Eigene Akzente sind ausdrücklich erwünscht.

 

Konsequent inklusiven Ansatz

Die Spiellandschaft verfolgt dabei einen konsequent inklusiven Ansatz. Kinder mit und ohne Beeinträchtigung sollen gemeinsam Spaß haben können. Kräftig eingefärbte Robinienstämme ragen in die Höhe. Jeder Stamm ist ein Unikat, geschält und geschliffen, seine ursprüngliche Form blieb jedoch erhalten. Die kräftigen Farben bilden ein kontrastreiches Leitsystem und erleichtern sehbehinderten Menschen die Orientierung. Halte- und Führungsseile ermöglichen das Ertasten einzelner Wegeabschnitte. Umsetzpodeste erleichtern Rollstuhlfahrern den Wechsel auf verschiedene Spielebenen. Selbst große Wackelplattformen wurden so konstruiert, dass sie gemeinsam von Kindern und Begleitpersonen genutzt werden können.

 

Auch eine Auflage: Die Bäume müssen ausreichend geschützt werden. Foto: Lenz/LGS

Denkmalschutz und Heilquellen

Der Kurpark in Bad Salzhausen ist denkmalgeschützt, liegt im Heilquellenschutzgebiet und unterliegt einem Parkpflegewerk. Das erfordert eine genaue Abstimmung und Umsicht. Drei Beispiele: Kein Tropfen Kraftstoff darf in den Boden gelangen. Die Bagger werden außerhalb des Parks betankt und dürfen dort über Nacht nicht stehen bleiben. Auch die Fundamente wurden bereits im Werk vorgefertigt, damit auf der Baustelle kein Beton ausgewaschen wird. In den hölzernen Schutzgerüsten für die Bäume, die die Stämme wie ein Faltenrock umgeben, steckt keine einzige Schraube.

Handy weglegen, nicht überlegen und los geht‘s - wenn zur Landesgartenschau 2027 die ersten kleinen und großen Kinder über die Netze klettern, Captain Hook vor dem Gradierwerk entdecken, einen Tarzan-Schrei durch die Wipfel schicken, Sandgeschosse in Richtung Landgrafenteich schleudern und irgendwann erschöpft auf den Boden sinken, wird klar: Wie schön ist es, einfach nur zu spielen.